Osterfeldschule Pforzheim – Geschichte von Volksschule, Lazarett, Verwaltung und Kulturhaus
Die Osterfeldschule in Pforzheim: Osterfeld-Grundschule, Osterfeld-Realschule und Kulturhaus Osterfeld unter einem Dach. Das 1907 von Alfons Kern erbaute Gebäude war Volksschule, Lazarett, Verwaltungssitz und Kammerspielhaus, bevor es 1975 wieder zur Schule wurde.
Inhaltsverzeichnis
Osterfeldschule – Grundschule, Realschule und Kulturhaus
Die Osterfeld-Realschule liegt am östlichen Ende des Pforzheimer Stadtteils Brötzingen – im selben Gebäude wie die Osterfeld-Grundschule und das Kulturhaus Osterfeld. Erbaut wurde das Haus als Volksschule nach Entwürfen von Stadtbaumeister Alfons Kern; die Einweihung erfolgte am 5. September 1907. Schulleiter der Osterfeld-Realschule ist seit 2012 Martin Hohloch. Das Gebäude blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: von der großen Volksschule über Lazarett, Verwaltungssitz und provisorisches Stadttheater bis zur heutigen Doppelnutzung als Schule und soziokulturelles Zentrum.
Name
Der Name Osterfeld geht auf die frühere Bezeichnung eines Stückes Land zurück: das östliche Feld der Gemarkung Brötzingen. Die Straße östlich der Schule markierte einst die Grenze zwischen Pforzheim und Brötzingen.
Profil und Besonderheiten
Vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport wurde der Osterfeld-Realschule 2003 die Auszeichnung „Bildungswerkstatt Baden-Württemberg“ verliehen. Zu den Besonderheiten zählen das Modellprojekt „Sozialpraktikum“, ein schulinternes „Nachhilfeinstitut“ und die Kooperation mit der Firma Bader bei verschiedenen Projekten. Gemeinsam mit weiteren Schulen und der schulpsychologischen Beratungsstelle wurde das „Pforzheimer Modell“ zur Förderung von lese- und rechtschreibschwachen Schülerinnen und Schülern entwickelt.
Gründung und Bau 1905–1907
Das Areal östlich von Brötzingen wurde 1905 der Stadt Pforzheim zugeschlagen, um Platz für eine neue Schule zu schaffen. Stadtbaumeister Alfons Kern entwarf die damalige Volksschule mit Fokus auf Licht und Raum; im Treppenhaus kamen farbige Majolika-Fliesen aus Karlsruhe zum Einsatz. Großherzogin Luise weihte das Gebäude am 5. September 1907 ein. Es hatte drei Flügel – zwei für Mädchen, einen für Jungen – sowie zwei Turnhallen, die heute als Veranstaltungssäle im Kulturhaus Osterfeld genutzt werden. Die Schule bot Platz für bis zu 2400 Schüler in 62 Klassen.
Von der Volksschule bis in die Weimarer Zeit (1907–1933)
Mit Kriegsbeginn 1914 wurde die Schule zum Lazarett für über 600 Verwundete, 1919 zum Seuchenkrankenhaus. Ab Sommer 1919 fand wieder regulärer Unterricht statt. Die Schulküche diente als Ausgabestelle der „Quäkerspeisung“, die täglich bis zu 3000 Kinder, werdende und stillende Mütter mit einer warmen Mahlzeit versorgte. Nach der Fertigstellung der Nordstadtschule zogen eine Fortbildungsschule für Mädchen und eine hauswirtschaftliche Berufsschule für Mädchen ohne Ausbildungsplatz in einen Teil des Nordflügels; eine Fortbildungsschule für Jungen erfüllte einen ähnlichen Zweck. 1930 war zeitweise die Jugendherberge im Schulhaus untergebracht. An der Osterfeld-Schule bestand zudem eine Sonderschule für Lernbehinderte (sie endete 1937); ebenso gab es eine Sonderklasse für Sinti- und Roma-Kinder. Das weitere Schicksal der betroffenen Kinder ist in der Forschung noch nicht vollständig aufgearbeitet.
1933 bis 1940 – „Hindenburg-Schule“
Die nationalsozialistischen Machthaber benannten die Osterfeld-Schule in „Hindenburg-Schule“ um. In den Klassenzimmern hingen Hitler-Bilder und Hakenkreuz-Fahnen, der „Hitlergruß“ zu Beginn und Ende jeder Stunde war Pflicht, und der Sport diente der vormilitärischen Ausbildung. Ab 1936 mussten jüdische Kinder die staatlichen Schulen verlassen; an der Hindenburg-Schule wurden sie in einem Schulgetto zusammengefasst, das auch „Judenschule“ genannt wurde. Ab Oktober 1940 verschleppten die NS-Machthaber von 38 namentlich bekannten Kindern 14 in Lager; drei Kinder wurden in Auschwitz bzw. im Osten ermordet, ebenso die Lehrerin Hedwig David. Ihrer wird bis heute gedacht – unter anderem in einer Ausstellung im Schulgebäude.
1941 bis 1945 – Lazarett und Zerstörung
Ab Oktober 1941 diente die Schule wieder als Lazarett – zur Versorgung von Verwundeten für Front oder Rüstungsindustrie. Es gab ein Diphtherie-Zimmer als Isolierstation und im Keller eine Station für Schwerverwundete wie Querschnittsgelähmte, die bei Fliegeralarm nicht verlegt werden konnten. Beim Bombenangriff am 23. Februar 1945 lag das Schulgebäude am westlichen Ende des Bombenteppichs. In der Neßlerstraße schlugen Spreng- und Brandbomben ein; Verwundete und Personal konnten sich aus dem brennenden Gebäude retten. Die Schule brannte aus, Decken stürzten ein – die Mauern blieben stehen.
1945 bis 1973 – Verwaltung, Bücherei und Kammerspielhaus
Nach dem 23. Februar 1945 waren die öffentlichen Gebäude der Innenstadt zerstört. Das Osterfeld wurde nach der Befreiung Pforzheims mit einfachen Balkendecken notdürftig repariert. Am 31. Juli zog das Bürgermeisteramt in den Flügel entlang der Neßlerstraße ein, im Oktober die Polizei; später folgten Einwohnermeldeamt, Wohnungsamt, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer und ab 1950 das Standesamt. Am 15. April 1946 öffnete die Stadtbücherei im Erdgeschoss – sie zog erst 1959 ins neu errichtete Reuchlinhaus. Nach dem Umbau der ehemaligen Knabenturnhalle fand am 11. September 1948 die erste Aufführung im „Kammerspielhaus“ statt; das provisorische Stadttheater blieb bis 1990 in Betrieb.
1970 bis 1977 – Rückbau zur Grund- und Realschule
Mit dem Umzug der Stadtverwaltung ins neue Rathaus am Marktplatz entschied man, das Gebäude zur Grund- und Realschule um- bzw. rückzubauen. Die Arbeiten begannen 1973; die Einweihung fand am 19. August 1975 statt. 1977 folgte die notwendige Sporthalle – in der ehemaligen Knabenturnhalle spielte noch das Stadttheater. Wieder galt der Auftrag, den Stadtschulrat Ziegler fast 100 Jahre zuvor formuliert hatte: „Nicht nur Lernschule, sondern Erziehungsschule; sie soll sozial erziehen zur Selbständigkeit und zur Selbsthilfe“.
Geschichte seit 1977
Von 1977 bis 1981 herrschte Raumnot; zeitweise waren bis zu sechs Klassen in die Fritz-Erler- bzw. Weiherbergschule ausgelagert. 1981 endete der Schulversuch „Profilierung der Realschuloberstufe“, dessen Erfahrungen in den Bildungsplan 1984 einflossen – „erziehender Unterricht“ wurde zum Schlüsselbegriff. Der Bildungsplan von 1994 stellte die Handlungskompetenz (Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz) in den Vordergrund. 1997 übernahmen Peter Schneider als Schulleiter und Wolfgang Frey als Konrektor die Leitung. Die Schule beteiligte sich am Schulversuch „Wirtschaft – Verwalten – Recht“, entwickelte das Modell eines Sozialpraktikums, engagierte sich mit Aktionen wie „Korken für Kork“ und „Schulkinder helfen Flüchtlingskindern“ und kooperierte mit Unternehmen der Nachbarschaft.
Im Jahr 2000 feierten Grund- und Realschule ihr 25-jähriges Jubiläum. 2003 erhielt die Osterfeld-Realschule die Auszeichnung „Bildungswerkstatt“. Der Bildungsplan von 2004 brachte Bildungsstandards, Fächerverbünde und themenorientierte Projekte. Am 24. März 2007 feierten beide Schulen und das Kulturhaus Osterfeld gemeinsam das 100-jährige Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür; zeitgleich fand im Treppenhaus eine Ausstellung über die Lehrerin Hedwig David unter dem Thema „Antisemitismus bis Auschwitz“ statt. Seit 2012 leitet Martin Hohloch die Osterfeld-Realschule.
Kulturhaus Osterfeld und heutige Nutzung
Seit 1994 ist der Ostflügel das Kulturhaus Osterfeld – ein soziokulturelles Zentrum mit Theater, Vereinen und Veranstaltungen. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Die Osterfeld-Grundschule und die Osterfeld-Realschule teilen sich das Haus an der Neßlerstraße Ecke Osterfeldstraße und prägen mit Ganztagsbetreuung und erziehendem Unterricht das Profil. Das Gebäude symbolisiert Pforzheims wechselvolle Geschichte von Bildung über Krieg und Not bis zur kulturellen und schulischen Nutzung.
Oldie-Treffen
Die Osterfeld-Realschule veranstaltet alle zwei Jahre ein Treffen für ehemalige Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte. Die Oldie-Treffen finden in geraden Jahren am Freitag vor dem ersten Advent in der „Rollschuhhalle“ der Schule statt.
Adresse
Osterfeld-Realschule / Osterfeld-Grundschule / Kulturhaus Osterfeld
Neßlerstraße 10
75172 Pforzheim
Telefon: (0 72 31) 39-28 53
Telefax: (0 72 31) 39-28 97
Quelle und Weblinks
- Stadtwiki Pforzheim-Enz: Osterfeld-Realschule (Archivversion vom 21. April 2023)
- Osterfeld-Realschule Pforzheim (ors-pf.de)
Literatur: Festschrift 80 Jahre Osterfeldschule, Pforzheim 1985; Olaf Schulze: Das Osterfeld – eine Pforzheimer Institution, in: Kulturhaus Osterfeld – Die Eröffnung, Pforzheim 1994; Gerhard Brändle: Die wechselhafte Geschichte der Osterfeld-Schule, in: Osterfeldschulen (Hrsg.): 25 Jahre jung. Osterfeld Grund- und Realschule 1975–2000, Pforzheim 2000.
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